Horn von Afrika – Was passiert wenn alle satt sind?

Es kommen ja wirklich schreckliche Bilder in den Nachrichten. Und überall bekommt man zu hören, man müsse jetzt spenden, damit die kleine 9 jährige Baba oder irgendein anderes herausgegriffenes Kind nicht verhungern muss, nachdem es diese oder jene Odysse hinter sich gebracht habe.

Aber ich habe Zweifel, dass es irgendetwas nützt, wenn ich den Organisationen, die um Spendengelder werben, auch nur einen Cent gebe: Das Horn von Afrika ist eine Region, die dafür bekannt ist, dass schreckliche und menschenunwürdige Dinge geschehen. Und in der es immer wieder zu Hungerkastatrophen kommt.

Man kann also fast sagen, eine Hilfsorganisation die am Horn von Afrika hilft und sich zu vermarkten weiß, hat einmal im Jahrzehnt eine „Großauftragslage“ und dauerhaft die Konflikte wie Somalia und Darfour in der Region am köcheln. Warum sollten also Organisationen, die schlanke 10-20 % der Spendengelder einstreichen, daran interessiert sein, dass es langfristig besser wird?

Was fehlt und was es anscheinend auch diesmal nicht gibt, ist ein Plan, was passieren soll, wenn alle Mägen voll sind. Über nicht hungernde Afrikaner, die nur auf ein Ende der Heimatkonflikte warten, kann man ja schlecht berichten um weiteres Geld einzutreiben. Und es ist bestimmt auch nicht würdig den Flüchtlingen gegenüber, auf einem Stück Erde in einem Zelt zu sitzen und fürs rumsitzen „gefüttert“ zu werden.

Wenn alle Mägen voll sind, werden, vorsichtig geschätzt, eine halbe Millionen Menschen in den 3 bis 4 Camps um Dadaab herum „feststecken“. Ohne eine wirkliche Perspektektive.

Jedem, der ähnliche Vertreibungskonflikte mit zum Teil religiösem Hintergrund sich ansieht, der wird feststellen, dass die Flüchtlinge auf Generationen hinaus nicht nach Somalia zurückkehren werden. Es wird also heute der „Gaza-Streifen Somalias“ in Kenia eröffnet. Und das in einer Region Kenias, die selbst nicht besonders reich ist.

Aufgrund der eh schon ärmlichen Verhältnisse, der „Einreisebestimmungen“ bzgl. Flüchtlingsstatus und weiterer Gründe wird es darauf hinauslaufen, dass die somalischen Flüchtlinge, weder kurz noch langfristig, in den kenianischen Arbeitsmarkt, sofern man von einem überhaupt reden kann, aufgehen werden. Allein zahlenmäßig überwiegen die Flüchtlinge die kenianische Heimatbevölkerung so stark, dass das nicht möglich sein wird.

Was also jedem klar sein muss, der heute, wie die Kanzlerin von Verantwortung in dieser Sache redet, dass es darum gehen muss, eine ganze „Exilwirtschaft“ aufzubauen. Ein paar hundert Millionen Euro, die die Kanzlerin versprochen hat, werden dazu aber kaum reichen. Diese Exilwirtschaft muss nicht nur sich selbst tragen, sondern eine Wirtschaft sein, die, sobald es Rückkehrmöglichkeiten gibt, dort auch das wirtschaftliche Handeln beibehält und somit einen Aufbau der Heimatländer leistet.

Alles beginnt damit, dass Zelte keine wirklichen Lebensunterkünfte sind. Ob die Nomaden unter den Flüchtlingen feste Häuser beziehen werden kann man bestreiten, jedoch können Sie ja auch nirgendwo anders hin – weder vorwärts „nach Kenia“ rein, noch, solange der Konflikt herrscht, nach Somalia zurück. Wenn man allerdings Fertighäuser importiert und aufstellen lässt, ist der aufzubauenden Exilwirtschaft nicht geholfen.

Den Wohnraum sollen sich die Flüchtlinge selbst bauen. Und ich würde vorschlagen, dass dies nicht wie ein Slum am Ende aussehen sollte. Dabei sollen die Flüchtlinge Fertigkeiten um die traditionelle Bauweise sich gegenseitig vermitteln. Nur Materialien die nicht vor Ort zu besorgen sind (z.B. Trinkwasserleitungen) und die Arbeitsleistung sollte von der Hilfsmission getragen werden.

Wenn eine Wirtschaft sich etabliert, in der jeder sein Auskommen finden kann, dann ist den entwurzelten Flüchtlingen am meisten geholfen. Mittelfristiges Ziel sollte es also sein, die Lebensmittellieferungen irgendwann „absetzen“ zu können. Langfristiges Ziel ist es, die Flüchtlinge „fit“ zu halten. Fit in dem Sinne, dass, sofern irgendwann in den nächsten 10-20 Jahren Somalia je zur Ruhe kommen sollte, bei der Repatriierung sofort Fachkräfte bereit stehen, die ihr Heimatland wieder aufbauen können.

Dazu muss das Arbeitsangebot passend zugeschnitten sein. Durch UN-Finanzierte Aufbauprojekte (Bau von Häusern, Kanalisation, Trinkwasserversorgung, öffentlichen Einrichtungen) in der entstehenden Flüchtlingsstadt kann den Flüchtlingen eine Chance gegeben werden – und zwar auch über den Bau hinaus: Eine Wasserversorgung bedarf genauso einer Pflege wie ein Abwassersystem, Schulen brauchen Lehrer usw. Aus den Fehlern, die die UN im Gaza-Streifen machte (alle bekommen ein Sozialgeld) sollte in Kenia gelernt werden: Wer Flüchtling ist, bekommt eine Berufausbildung und wird angestellt um seine Familie zu versorgen. Nur wer dazu aus Gründen wie Versertheit oder Alter nicht mehr in der Lage ist und auch keine Verwandten hat, sollte ein Sozialgeld bzw. Essensmarken bekommen. Wer angestellt ist, der kann aber auch „normal“ für Lebensmittel bezahlen – zum beispiel bei seinem „ungelernten“ Nachbarn, der sich entschieden hat, Hühner zu halten.

Nach der Ausbildung steht es auch jedem frei, sein gelerntes Gewerk selbst zu praktizieren und somit seine Existenz aufzubauen. Dazu bedarf es dann lokaler Banken, Unternehmergruppen/-treffen und weiterer kleiner Einrichtungen. Die Vernetzung der Flüchtlinge wird bei einem späterem Aufbau der Heimatländer überaus nützlich sein.

Die meisten „Infrastrukturbetriebe“ sind derzeit in der Hand der UN und der Hilfsorganisationen. Eine langfristige Bündelung und Unterstellung der „Stadtverwaltung“ macht diese nicht unbedingt effizient, aber organisiert diese in einer Form, dass sie langfristig Bestand haben können und bietet Chancen, dass die späteren Rückkehrer solche Strukturen in Ihren Heimatstädten aufbauen können.

Das der Spaß teurer wird wie ein paar Frachtmaschienen voll mit Babynahrung fliegen zu lassen ist absehbar:

Bei einer halben Million Flüchtlingen kann man also davon ausgehen, dass man 50000 Häuser bauen muss. Bei einem Lohnniveau für gelernte Kräfte in Höhe von umgerechnet (ich hoffe der Kurs ist noch aktuell gewesen) 24 € / Monat kann man konservativ davon ausgehen, dass man für 50.000 Häuser rund 50 Mrd. Arbeitsstunden bezahlen muss. Wenn wegen Hitze und anderer Umstände nur rund 120 Arbeitsstunden pro Monat zusammenkommen, wird man 42tausend Monatslöhne auszahlen müssen. Das allein mach 100 Mio. € und dabei ist noch kein Baumaterial erzeugt worden.

Also kann man für die Erstellung der Flüchtlingsstadt rund 500 Mio. als unterste Grenze ansetzen – begonnen mit dem Zeitpunkt, ab dem alle satt waren.

Wichtig ist dabei, die Kenianische Wirtschaft ein Stück weit von dem Projekt abzuschotten wie das Projekt auch nicht umbedingt die kenianische Wirtschaft beanspruchen sollte.

Der Abfluss der Kaufkraft ist dabei sowieso ein Problem, denn eine halbe Million Menschen wollen versorgt sein. Und nachdem die UN ein klares Ausstiegsszenario braucht, und sich nicht alle Lebensmittel vor Ort erzeugen lassen, muss versucht werden, die Abwanderung der  Kaufkraft zum Beispiel durch die Ansiedlung von kleinen Produzenten (z.Bsp. im Handwerk), die ihre Erzeugnisse exportieren, auszugleichen.

Wenn man also noch öffentliche Gebäude bauen will und alle Anlaufschwierigkeiten abpuffern will, so schätze ich vorsichtig, dass eine Milliarde Euro für ein verläufiges und menschenwürdiges Ende dieser Krise bis zum „Frieden“ in Somalia nicht ganz reichen werden.

Für mich steht jetzt schon fest, dass dieser Betrag nie zustande kommen wird, es also nie einen Aufbau eines „Flüchtling-Dadaabs“ in einer dauerhaft stabilen Weise geben wird, und die Hungrigen von heute vielleicht schon morgen mit Waffen aufeinander schießen – nachdem klammheimlich alle Hilfe eingestellt wurde, weil es keine neuen Schlagzeilen in unseren Massenmedien mehr gab.

Man mag mich für diese Haltung kritisieren, aber durch unsere Eingriffe in afrikanische Angelegenheiten haben europäer und Amerikaner viel zu selten Positives erreicht. Jetzt zu Spenden ohne dass ein komplett ausfinanzierter Plan für die ggf. dauerhafte Ansiedlung der Flüchtlingen vorliegt, ist das Spendenaufkommen nur das Zeugniss gutmenschlicher Grausamkeit, die uns dann in den nächsten 10 Jahren irgendwann mal auf dem Fernsehbildschirm einholen wird, wenn nicht mehr nur Moslems auf Christen schießen sondern auch christliche Stämme aufeinander. Die Aussicht auf eine Repatriierung wäre ja toll, aber ohne ein Ende der Konflikte in der Region ist da leider nichts in Aussicht zu stellen. Und die Flüchtlinge überwiegen zahlenmäßig die heimische Bevölkerung weit. Dass es zu Spannungen kommen wird, steht ohne vernünftige Lösung über ggf. mehrgenerationäre Zeiträume fast außer Frage. Und das einzige sinnvolle was mir einfällt ist der Aufbau einer Exilwirtschaft, die später Repatriiert wird.

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Eine Antwort zu Horn von Afrika – Was passiert wenn alle satt sind?

  1. xandialpinsport schreibt:

    cooler artikel, v.a. die idee mit dem wohnraum ist top, man sollte versuchen einen richtigen afrikanischenwirtschafts- & handelsraum(vgl. EU) aufzubauen.

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